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Mercedes Marco Polo: Neustart im Jubi-Werk Ludwigsfelde

von | 27. August 2026

Mercedes baut jetzt Campervans, in einem Werk mit Geschichte. Mercedes Marco Polo: Neustart im Jubi-Werk Ludwigsfelde.
Mercedes-Benz

Mercedes Marco Polo, weiterentwickelt und aus eigener Fertigung.

„Willkommen zuhause“, ruft Mercedes, doch zuhause war der kompakte Campervan Marco Polo in den eigenen Werken nie, er kam 30 Jahre von Westfalia/Westfalen Mobil. Mit Aufnahme auf die Transferliste hat Mercedes den Marco Polo weiterentwickelt und fertigt ihn nun in einem Werk mit einzigartiger Geschichte und ungewisser Zukunft. 90 Jahre Werk Ludwigsfelde – und nun?

Mercedes Marco Polo: frisch überarbeitet

Neues Aufstelldach aus einer Aluminium-Doppelschale mit mehr Platz im Fußbereich. Bald ein Schiebedach und eine Panorama-Öffnung im Faltenbalg. Neues Konzept für Beleuchtung, Verdunkelung und Markise sowie Infotainment. Feinschliff am Mobiliar und weitere Details – mit dem Wechsel von Westfalia/Westfalen Mobil ins Mercedes-Werk ist Evolution verbunden, keine Revolution. War ja auch bisher beileibe nicht übel, der Mercedes Marco Polo.

Mercedes verspricht: „Durch die Integration des Ausbaus in das eigene Produktionsnetzwerk von Mercedes-Benz Vans kann Mercedes-Benz höchste Qualitätsstandards gewährleisten. Zudem ermöglicht die engere Verzahnung von Prozessen mehr Flexibilität und kürzere Lieferzeiten.“ Das klingt so, als sei Mercedes mit dem bisherigen langjährigen Partner nicht ganz glücklich gewesen. Wobei die „enge Verzahnung“ geografisch gesehen so eine Sache ist, denn das Basisfahrzeug V-Klasse stammt unverändert aus Vitoria im spanischen Baskenland. Per Straße sind das 2000 Kilometer nach Ludwigsfelde nahe Berlin. Warten wir mal ab, ob diese Tour den nächsten Modellwechsel überlebt.

„Den Marco Polo bauen wir künftig in einer extra zu diesem Zweck errichteten Produktionshalle mit modernsten Produktionsverfahren aus. Der neue Marco Polo steht damit für höchste Präzision von Mercedes-Benz“, zitiert Mercedes Roberto Lopez Garcia, Geschäftsführer und Standortleiter Mercedes-Benz Ludwigsfelde GmbH.

Mercedes-Benz Classic

Flugmotoren von Daimler-Benz: So ging’s 1036 los.

Ludwigsfelde: der Beginn als Flugmotorenwerk, dann Heimat von DDR-Lkw

Das führt automatisch zum Werk Ludwigsfelde und seinen Besonderheiten. 1936 erfolgte in üblen Zeiten der Spatenstich für das Flugmotorenwerk Genshagen, einem Ortsteil von Ludwigsfelde unweit Berlin, der damaligen Daimler-Benz Motoren GmbH. Das Werk nahm die enorme Fläche von 375 Hektar ein (3,75 Millionen Quadratmeter, entsprechend mehr als 500 Fußballfeldern). Finanziert wurde es durch das Reichsluftfahrtministerium. Hier wurden bis ins Frühjahr 1945 in enormer Stückzahl Flugmotoren für Kampfflugzeuge hergestellt. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs hat die sowwjetische Besatzungsmacht das Werk vollständig demontiert, die Gebäude gesprengt.

1952 ließ die DDR-Regierung auf dem Gelände den Volkseigenen Betrieb (VEB) Industriewerk Ludwigsfelde errichten. In den Folgejahren wurde kunterbunt gefertigt: Schiffsdiesel, Geländewagen, Motorroller. Ab 1965 konzentrierte sich das Werk auf die Produktion der unvergessenen Lkw IFA W 50 und L 60. Bis 1990 liefen rund 600 000 Einheiten vom Band.

Unter dem Stern ein Wechsel vom Lkw- zum Transporterwerk

Nach der Wiedervereinigung gründete die Treuhandanstalt 1991 unter Beteiligung der Daimler-Benz AG die Nutzfahrzeug Ludwigsfelde GmbH. Unmittelbar darauf liefen die ersten leichten Lkw und Großtransporter mit Stern der Baureihen LN2 und T2 vom Band. 1994 übernahm Daimler-Benz das Werk komplett. Es wurde zunächst Standort für den Großtransporter Vario, eine Weiterentwicklung des T2. Es folgte 2002 die Produktion des unglücklichen Kompakt-Vans Vaneo.

Mit dem Modellwechsel des Mercedes Sprinter im Jahr 2006 kam das Werk Ludwigsfelde in ruhigeres Fahrwasser. Seitdem laufen hier die sogenannten offenen Baumuster des Transporters vom Band, die Fahrgestelle und Pritschenwagen des Großtransporters, ebenfalls Zugköpfe mit Frontantrieb für Sonderfahrgestelle. Geschlossene Fahrzeuge wie Kastenwagen kommmen unverändert aus dem Transporterwerk Düsseldorf.

Mercedes-Benz

Mercedes Sprinter: Fahrgestelle und Pritschenwagen aus dem Werk Ludwigsfelde.

Neue Zeiten auf dem Weg zum nächsten eSprinter

Indes ist die Zukunft des Werks ungewiss, daran ändert auch die neu eingerichtete Manufaktur des Marco Polo nichts. Mercedes-Benz hat die Einrichtung eines weiteren Transporterwerks für den kommenden eSprinter in Jawor/Polen angekündigt. Noch 2023 meldete Mercedes-Benz indes, dass in Ludwigsfelde „weiterhin Sprinter und eSprinter produziert,“ werden sollen. Und: „Der Standort wird zusätzlich zum Kompetenzcenter für eVan Individualisierungen wie beispielsweise Elektro-Camper ausgebaut.“ Ergänzend hieß es: „Basierend auf VAN.EA wird auch das Reisemobil-Portfolio erweitert – mit neuen Modellen mittelgroßer und großer vollelektrischer Camper ab Werk.“ Ebenso war von einer maßgeschneiderten Variante für Kurier-, Express- und Paketdienste (KEP) die Rede. Etabliert sei in Ludwigsfelde eine „sogenannte Anlauffabrik für die künftige Van Architektur VAN.EA“.

Inzwischen aber hat sich die Welt weitergedreht. Wie inzwischen durchsickerte, will Mercedes die Serienproduktion des Sprinter in Ludwigsfelde bis Ende 2029 beenden. Der künftige eSprinter soll nun aus Polen und Düsseldorf kommen. Dies teilte die brandenburgische Landesregierung mit. Ein Werk allein für Campervans und Spezialtransporter dürfte mit diesem Schritt keine Zukunft haben, auch wenn zurzeit Verhandlungen über die Zukunft des Werks mit dem Betriebsrat laufen. Es geht immerhin um rund 1600 Arbeitsplätze, vor 15 Jahren waren es noch 2200.

 

Pflugscharen zu Schwertern, zurück zu den Wurzeln?

Und nun? Während die Automobilindustrie in großem Umfang in Deutschland Arbeitsplätze abbaut, wächst infolge der politischen Großwetterlage die Rüstungsindustrie. Prompt heißt es, dass der deutsch-französische Rüstungskonzern KNDS auf der Suche nach Fertigungsstätten und Arbeitskräften ist. Dies könnte auch das Mercedes-Benz-Werk in Ludwigsfelde betreffen. Entweder in Form einer vollständigen oder einer stufenweisen Übernahme. Die Rede ist von der Fertigung des Radpanzers Boxer oder dessen Ablegers namens Schakal. Damit würde sich in Ludwigsfelde der Kreis schließen, das Werk würde mit Militärtechnik zu seinen Ursprüngen zurückkehren. Indes künftig der Verteidigung dienend und nicht der Aggression.

KNDS

Zukunft für Ludwigsfelde? Radpanzer KNDS Boxer.

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