Experten-Test: Citroen E-Berlingo für Schornsteinfeger
Zum Glück gibt’s den Schornsteinfeger – das kleine Wortspiel auf der Motorhaube der Citroen E-Berlingo lädt zum Schmunzeln ein. Hier aber geht es um handfesten Nutzen aus Sicht der Anwender – Was kann der E-Berlingo generell, was in dieser Spezialausführung?
Prüfend blickt Schornsteinfegermeister Manuel Kossok in den Laderaum des E-Berlingo, von Citroen neckisch ë-Berlingo getauft. Die Einrichtung von Ausstatter Bott gefällt ihm. Die Schublade und die offene Ablage darüber für Filter und Kleinteile zum Beispiel. Auch die praktische Durchlademöglichkeit bis ins Fahrerhaus – obwohl beim Testwagen durch die individuelle Einrichtung zugebaut. Ebenso das Lochraster mit zahlreichen Aufhängungspunkten – ein Testwagen mit Haken und Ösen der anderen Art. Citroen schnürt seit Jahren besondere Pakete für Kaminkehrer. Die Ausstattung des Laderaums ist variabel – es müssen nicht immer Regale links und rechts sein.
Das Volumen von gut drei Kubikmetern reicht allemal für Kossoks Ausrüstung. Die knapp mögliche Beladung mit einer Palette quer im Heck dürfte ihn kaum interessieren. Eher die einfachen Aufsteller, die nach der ersten Betätigung nicht mehr einrasten – zum ausrasten. Die halbe Tonne Nutzlast plus Eigengewicht des schlanken Meisters – kein Thema, ebenso die überschaubare Anhängelast von einer Dreivierteltonne. Praktisch für die Baustelle ist das Ausstattungspaket namens Worksite-Kit mit Allwetterreifen, Motorschutzabdeckung und einem besonderen Traktionsprogramm.
Im kleinen Citroen E-Berlingo steckt die Technik des großen Transporter-Bruders. Zum Beispiel der neue E-Motor mit 100 kW Leistung und 270 Nm Drehmoment. Auch die Batterie mit einem nutzbaren Inhalt von 46 kWh. Munter schnurrt das Pummelchen los, beschleunigt flott auf 100 Sachen, zeigt auch bei der Zwischenbeschleunigung von Tempo 60 auf 80 oder 100 km/h den Kollegen mit Verbrennungsmotor die Rücklichter. Arbeitet nochmals leiser als seine größeren E-Geschwister und katapultiert sich wie sie auf 135 Sachen.
Dann ist Schluss, die Selbstbeschränkung reicht zum Mitschwimmen im Verkehr, spart Strom und auch Nerven. Vor allem dann, wenn der stromernde Berlingo voll beladen unterwegs ist. Schornsteinfeger haben eher leichtes Gepäck, hier aber hat die Redaktion zum Test beim Baustoffhändler 19 Pakete Fliesenkleber à 25 Kilo ins Heck gewuchtet. In der Folge sinkt der Berlingo tief ein und das generell sanfte Fahrverhalten des E-Berlingo mit kurzem Radstand und schraubengefederter Torsionsachse wird weicher und schaukeliger – nichts für empfindliche Mägen.
Gute Noten verdient sich der E-Berlingo zwischen den Stopps an Ladesäulen oder Wallbox. Im gemischten Einsatz mit wenig Ballast kommt er mit etwa 15 kWh auf 100 Kilometer aus. Beladen und nach strengen Vorgaben auf der standardisierten Teststrecke gefahren, setzte er im Schnitt 17,3 kWh um. Die Spanne lag zwischen 13 kWh auf Kurzstrecken und gut 26 kWh im gestreckten Galopp. Macht rund 250 Kilometer Reichweite. „Das genügt für einen Tag“, urteilt Schornsteinfeger Manuel Kossok. Merke: Kaminkehrer arbeiten nicht nur ganze Straßenzüge ab, manchmal wechselt der Einsatz zwischen entfernten Ortsteilen, das verlangt nach sicherer Reichweite.
Für den Treff hat er sich Manuel Kossok im Wortsinn zünftig angezogen. Wir lernen: traditionell tragen Auszubildende des Berufsstands schwarze Knöpfe an der Jacke, jene der Gesellen sind silbern. Gold ist den Meistern vorbehalten. Der Citroen E-Berlingo im Schornsteinfeger-Outfit verzichtet weitgehend auf Schmuck. Weißer Lack, schlichte Stoßfänger, die Berufskleidung beschränkt sich auf die Beklebung.
Das knapp bemessene Cockpit wirkt etwas düster, als hätte es sich der Berufskleidung der Kaminkehrer angepasst. Ohne fesche Goldknöpfe, die verwendeten Materialien sind eher schlicht. Eine Ausnahme ist der kuschelige Fahrersitz, eingeführt anlässlich des jüngsten Facelifts. Der Beifahrer-Doppelsitz taugt nur sehr bedingt für zwei, die Plätze sind schmal, die Mittelkonsole raubt Beinfreiheit. Dort hat Citroen die Bedienung dezent überarbeitet, auch deren Tasten entsprechen dem großen Bruder Jumpy. Das gilt auch für den Start per Zündschlüssel oder die Rekuperations-Paddel hinter dem Lenkrad und ihrer Wirkungsweise. Im Normalbetrieb verzögert der Elektriker ähnlich wie mit Motorbremse. Zwar kann er nicht leichtfüßig dahingleiten, beherrscht indes den Einpedal-Modus, Geschmackssache. Wobei der wenig feinfühlige Übergang zwischen Rekuperation und Reibbremse arg ruckelig erfolgt.
Eingebettet in die Armaturenlandschaft ist das digitale Cockpit, seine Ansicht wechselt auf Tastendruck. Die Säulen für Batteriestand und Leistungsabfrage oder Rekuperation wirken etwas schmächtig. Aber es ist alles drin und dran. Ein wenig versteckt: die Tasten für Nebenfunktionen.
Ein Kapitel für sich ist der Blick nach draußen. Die A-Säulen laufen wie eh und je sehr breit nach unten aus. Geht so, wären da nicht die mickrigen Außenspiegel, vor allem das rechte Exemplar ist annähernd untauglich. Citroen kontert mit Technik, einer Kamera im Spiegelfuß. Sie spielt ihr extrem weitwinkeliges Bild auf den digitalen Innenspiegel ein, unterstützt beim Abbiegen, ist sonst kaum hilfreich. Die Anzeige des Digi-Innenspiegels setzt den nachfolgenden Verkehr ins Bild, irritiert nur nachts mit einem milchigen Bild.
Manuel Kossok hat im Moment andere Probleme. Ebenso wie sein Kollege Karsten Patzig, mit dem er sich in Renningen nahe Stuttgart den Büroflur teilt. Beide suchen dringend Mitarbeiter – gute Aussichten also. Die Dienstwagen? Man wird sehen.
Randolf Unruh
Randolf Unruh
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