Experten-Test: Ford-E-Transit
„Sieh mal Kleiner, dieser Transporter sieht aus wie ein großer grauer Elefant.“ Schlaue Antwort des Dreikäsehochs: „Das ist kein Elefant, der hat keinen Rüssel.“ Das ist richtig, und doch falsch: Ab und zu trägt der Ford E-Transit einen Rüssel. Dann, wenn er wie hier an der Ladesäule steht und vorne das Kabel angedockt ist. Im Ladepark wirkt der wuchtige Transporter zwischen all den schicken E-Limousinen und E-SUVs tatsächlich ein wenig wie ein Elefant im Porzellanladen.
Sowohl die Batterie- als auch die Antriebstechnik des E-Transit haben keine Elefanten- sondern feurige Mustang-Gene: Aus dem Mustang E-Tech stammt der Akku, ebenso der starke E-Motor mit 135 kW Leistung und einem Drehmoment von 430 Nm. Alternativ geht es sogar bei identischem Drehmoment mit 198 kW zur Sache, das muss nicht sein. Die Maschine dockt wie im Mustang an der Hinterachse an, eine Technik, die sich bei großen Transportern allmählich durchsetzt. Zu Recht: Ohne Krawall wie durchdrehende Räder, ohne Sing- und Pfeifgeräusche prescht der wuchtige Ford – Leergewicht 2,68 Tonnen – in nur elf Sekunden aus dem Stand auf 100 Sachen. Damit entpuppt sich der E-Transit als der wahre Sprinter unter seinesgleichen. Er mag es indes auch gemächlich: Sanfte Rangiermanöver laufen ruckfrei ab. Auch das Blending der Bremsen, der Übergang von der elektrischen Rekuperation zur Reibbremse, läuft unmerklich ab.
Die Richtung wählt der Fahrer an einem praktischen Drehregler. Per Druck auf die integrierte Taste lässt sich die Rekuperation verstärken – leicht rollen oder kräftig bremsen, eine Sache des persönlichen Fahrstils. Die Instrumente sind bestens ablesbar, den Ladestand in Prozent muss der Fahrer im großen Monitor abrufen. Dort findet er ebenfalls verspielte Anzeigen für die drei Fahrmodi. Angesichts der bulligen E-Maschine genügt dem Ford selbst beladen meist der E-Modus.
Seine üppige Leistung bringt er souverän auf die Straße, brilliert er doch mit einer aufwendigen schraubengefederten Schräglenker-Hinterachse. Ein Novum in dieser Liga und eine weitere Verwandtschaft zum Mustang. Im Ergebnis liegt der E-Transit enorm sicher auf der Straße und der Fahrkomfort ist leer wie beladen höchst beachtlich. Dies alles im Zusammenspiel mit einer angenehm straffen elektrischen Lenkung, die allenfalls um die Mittellage etwas teigig wirkt.
Vom Komfort profitiert auch die Fracht, die indes überschaubar ausfällt. Die üppige Batterie treibt das Leergewicht, es verbleiben nur gut 800 Kilo Nutzlast für Fracht und Fahrer. Einen gewissen Ausgleich bietet die Anhängelast von 750 Kilo. Oder gleich auf 3,9 oder 4,25 Tonnen wechseln – mit verkehrsrechtlichen Einschränkungen. Dank reichlich Achslastreserven und entsprechend starken Federn steht der E-Transit auch bepackt kerzengerade und mit ungebeugtem Rücken auf der Straße – der große Graue ist ein wahrer Arbeitselefant. Auch im Detail: Auf Wunsch steckt rechts im Heck ein Paket mit zwei 230-Volt-Steckdosen. Hier lassen sich Geräte bis 2,3 kW Leistung betreiben. Eine Anzeige der Restreichweite im Monitor verhindert, dass dabei die Batterie über Gebühr leergelutscht wird. Die Arbeitsleuchte über dem Heck setzt alles ins rechte Licht.
Weiter vorn profitiert der Fahrer von einem angenehm gepolsterten Sitz, viel Platz, zahlreichen Ablagen und einer angemessenen Materialqualität. In der geräumigen Truhe des Beifahrer-Doppelsitzes findet das Ladekabel Platz. Da vom weit entfernten E-Motor nichts zu hören ist, rücken bei hohem Tempo Windgeräusche in den Vordergrund, bei niedrigen Geschwindigkeiten einige Poltergeräusche des Fahrwerks. Bei großer Hitze brummt zum Start sowie beim Laden die Batteriekühlung wie ein entfesselter Kühlschrank.
Mit einer üppigen Serienausstattung macht’s der E-Transit seinem Steuermann angenehm. Ob schlüsselloses Starten oder elektronische Feststellbremse, ob Heizung für Außenspiegel, Frontscheibe und Sitze, ob Klimatisierungsautomatik oder ein Audiosystem plus Navi und der Monitor im Format zwölf Zoll mit allerhand Anzeigen für die Feinheiten des elektrischen Fahrens – alles an Bord. Das mindert Schmerzen beim Erwerb: Ford hält die Basisvariante des Kastenwagens netto knapp unter 60.000 Euro, das sichert die aktuelle Förderung.
Er lädt mit maximal 115 kW zunächst recht flott, bei den letzten zehn, zwanzig Prozent wird’s zäh. Also besser nach einer guten halben Stunde weiterziehen, sofern nicht maximale Reichweite notwendig ist. Die ist für einen Transporter seines Schlags recht üppig. Brutto 77 kWh Batteriekapazität, davon nutzbar 68 kWh, das bedeutet auf Kurz- und Überlandstrecken, mal voll beladen und mal leer und gemessenen Schritts bewegt – Elefant! – rund 300 Kilometer Reichweite. Wer sich auf die Autobahn begibt, stößt an Grenzen: Die üppige Statur, das Gewicht von beladen 3,5 Tonnen und die hier spärliche Rekuperation durch Brems- und Schiebebetrieb fordern ihren Tribut. Der Verbrauch klettert bei gemütlichen 100 Sachen auf etwa 28 kWh. In vollem Galopp mit abgeregelt 130 km/h steigt er je nach Verkehrslage auf 40 kWh und mehr. Entsprechend schmilzt die Reichweite. Wer sie maximieren will und überwiegend Kurzstrecken schrubbt, wählt daher die optionale Begrenzung auf Tempo 90. Die Messergebnisse decken sich mit den Angaben der WLTP-Norm, dort liegt der Ford zwischen 17,6 und 43,6 kWh und erreicht einen Schnitt von 30,6 kWh. Die Testdaten: 19 bis 42 kWh, Durchschnitt 27,8 kWh/100 km.
Schmackhaft macht Ford den Schritt zur E-Mobilität zusätzlich mit einer reichhaltigen Auswahl. Den E-Transit gibt es als Kastenwagen in drei Längen und zwei Höhen, als Kastenwagen-Doppelkabine sowie als Fahrgestell mit langem Radstand und verlängertem Rahmen mit einer zulässigen Gesamtmasse von 3,5 bis 4,25 Tonnen. Eine ganze Elefantenherde, mal mit und mal ohne Rüssel? „Er hat aber keine Stoßzähne“, fügt der schlaue kleine Beobachter entwaffnend an. Stimmt.
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Ford E-Transit Kastenwagen 350 L3H2
Motor: quer eingebauter Synchron-Elektromotor im Bereich der Hinterachse
Leistung: 135 kW
Drehmoment 430 Nm
Getriebe: feste Übersetzung, drei Fahr-, zwei Rekuperationsmodi
Antrieb: auf die Hinterräder
Batterie: Lithium-Ionen
Kapazität: brutto 77 kWh, nutzbar 68 kWh Nennspannung 400 Volt
Aufladung: dreiphasig mit 11 kW, schnellladefähig mit max. 115 kW
Beschleunigung 0 – 50/100 km/h 4,2/11,2 s
Elastizität:
60 – 80/100 km/h 2,8/6,6 s
80 – 120 km/h 9,4
Höchstgeschwindigkeit 133 km/h
Innengeräusche:
Stand/50/100 km/h -/64/68 db(A)
Höchstgeschwindigkeit 71 dB(A)
Verbrauch:
Teststrecke beladen 27,8 kWh/100 km
Testverbrauch beladen min./max. 19 – 42 kWh/100 km
Preis Ford E-Transit Kastenwagen L3H2 135 kW 60 490* Euro
*ohne Mehrwertsteuer





