Experten-Test VW Crafter: Da weiß man, was man hat

von | 11. Mai 2026

3,5-Tonner, TDI, ausgereift, leistungsstark – alles klar? Experten-Test VW Crafter: Transporter mit Niveau.
Randolf Unruh

Der VW Crafter als Kastenwagen mit Dieselmotor ist auf dem Weg zum Klassiker.

Es war nicht Persil, VW hatte die Nase vorn: Bereits 1969 guckte ein VW Käfer mit großen runden Augen aus Anzeigen mit der Schlagzeile „Da weiß man, was man hat.“ Der Käfer war damals längst auf dem absteigenden Ast, der Spruch aber ist unverändert typisch für den Markenkern von VW, vor allem im gewerblichen Bereich. Und passt deshalb heute zu einem Crafter, der mit seinen Eigenschaften nach rund zehn Jahren beileibe nicht wie ein Käfer, aber ziemlich golfig wirkt: Da weiß man, was man hat.

Randolf Unruh

Geräumig, praktisch hochwertig – das ist mal ein richtig guter Arbeitsplatz.

Das Cockpit: geräumig und hochwertig ausgestattet

Steigen wir ein, mit Unterstützung von Haltegriffen an den richtigen Positionen. In ein geräumiges Fahrerhaus, hochwertig ausgestattet mit ansprechenden Materialien und prima verarbeitet. Nehmen Platz auf einem geradezu kuscheligen und langstreckentauglichen Sitz. Umgeben von reichlich Ablagen einschließlich einer großen Sitztruhe und einem praktischen Rückenlehnen-Klapptisch in der Mitte.

Der Blick fällt auf das aktuelle konfigurierbare Kombi-Instrument mit blauen Segmenten in den Rundarmaturen bei Anstieg von Tempo und Drehzahl, alles vor schwarzem Hintergrund. Die Ziffern sind vielleicht etwas klein geraten , der Tacho reicht optimistisch bis 240 Sachen.

Das Multifunktionslenkrad trägt richtige Tasten, wie es sich gehört. In der Mitte des Cockpits erstreckt sich ein großflächiger Monitor. In Optik und Bedienung eine Zwischenlösung zwischen vermurksten Bedienexperimenten und der bei Pkw inzwischen eingeläuteten Rückkehr zu klassischen VW-Tugenden. Das heißt hier: konfigurierbar mit Direktwahltasten, aber ohne Drehregler für die Lautstärke des Radios und die Klimatisierung, stattdessen die vermaledeiten Slider. Hinzu kommen zeitgemäße Elemente wie schlüsselloser Start und elektronische Feststellbremse.

Der Laderaum: niedrige Ladekante, praktische Details, angemessene Nutzlast

Hinter der wohnlich verkleideten Trennwand erstreckt sich dank Frontantrieb und entsprechend niedrigem Boden – Ladekante hinten 570 Millimeter – ein weitläufiger Laderaum. Mit fast zwei Meter Stehhöhe und knapp 3,5 Meter Länge. Doch aufgepasst, das Maximalmaß gilt nur unten im mittleren Bereich des Bodens. Für den sechs Meter langen Transporter mit Hochdach nennt VW 11,3 Kubikmeter Volumen. Das ist etwas optimistisch einschließlich der Radkästen gerechnet und ohne Abzug für die oben leicht eingezogenen Wände.

Ebenso simple wie zuverlässige bügelförmige Aufsteller der Hecktüren prägen das Bild, auch die scheunentorgroße Schiebetür und praktische leuchtendgelbe Haltegriffe zum Einsteigen. VW verteilt mehrere LED-Leuchten im Dach und verlegt die notwendigen Kabel gut geschützt, die Zurrösen wirken solide wie eh und je.

 

Randolf Unruh

1200 Kilogramm Nutzlast, Stehhöhe im Laderaum und dort rund elf Kubikmeter Volumen.

Die Zuladung: gute Nutzlast, hohe Anhängelast

Der Testwagen brachte vollgetankt mit ein paar Extras 2,3 Tonnen auf die Waage, das ergibt als typischer 3,5-Tonner exakt 1200 Kilogramm für Fahrer und Fracht. Das wäre früher durchschnittlich gewesen, in Zeiten der E-Mobilität mit gewichtigen Batterien aber ist es ein prima Wert, Daumenpeilung eine halbe Tonne günstiger als aktuelle E-Kollegen mit kräftiger Batterie. Überdies darf der Crafter drei Tonnen ziehen, wobei das Gesamtzuggewicht auf sechs Tonnen beschränkt ist.

Das Fahrwerk lässt sich von reichlich Fracht nicht aus der Ruhe bringen, der Crafter knickt weder optisch ein noch lässt er im Verkehr nach. Er fährt sich vergleichsweise komfortabel, teilt auch leer nicht über Gebühr aus, trotz fünf bar Luft in den Hinterreifen. Mit zulässigen Achslasten von 1800 Kilo vorn und deren 2100 hinten bietet er Reserven für ungleichmäßige Lastverteilung. Nicht zuletzt überzeugt die gut abgestimmte Lenkung.

Der Antrieb: kräftig mit kleinen Schwächen

Der TDI tritt im Testwagen in der stärksten Ausführung auf, ein Zweiliter mit einer Leistung von 130 kW (177 PS) und 410 Nm Drehmoment. Das ist ein ordentliches Pfund und die Basis für prima Fahrleistungen. Jedenfalls für einen Diesel, denn Transporter mit kräftigen E-Motoren schnellen müheloser aus dem Stand auf Tempo. Bis sie dann abriegeln, weil ihnen die Puste ausgeht und auch der Strom.

Der Crafter aber zieht durch, läuft laut Papieren 165 Sachen, der Testwagen machte sogar erst bei Tacho 174 halt, das entspricht minus Voreilung knapp über 170 km/h. Gab’s in grauer Vorzeit nicht mal den Begriff des Eiltransporters? Hier ist er, und macht im Fahrerhaus trotz Diesel nicht mal über Gebühr Lärm. 63 dB(A) zeigt das Messgerät bei Tempo 100, 73 dBA) in voller Fahrt. Der TDI lässt sich markentypisch vergleichsweise hoch drehen, schwächelt indes bei sehr niedrigen Touren, dann rappelt’s in der Kiste und der VW zeigt ein gewisses Missbehagen.

Randolf Unruh

TDI, na klar: kräftiger Dieselmotor mit reichlich Drehmoment und günstigem Verbrauch.

Der Verbrauch: günstig, aber nicht überragend

Der Verbrauch? Auf Kurzstrecken steht mitunter lediglich eine Sieben vor dem Komma. In voller Fahrt sind es rund 14 Liter/100 km, aber da galoppiert der Crafter mit einem Tempo, dass sich so mancher die Augen reibt. Auf der gut gewürzten Testrunde, vollbeladen durch Stadt, über Land und auf der Autobahn, waren es insgesamt im Schnitt 9,4 Liter/100 km.

Ein guter Wert, wenn auch nicht sensationell. Belässt es VW doch bei einer für die Leistung relativ knappen Gesamtübersetzung. Das steigert die Fahrbarkeit, aber eben auch den Spritdurst auf schnellen Strecken. Auf die Reichweite hat die Angelegenheit indes nur einen überschaubaren Einfluss, denn angesichts von 75 Liter Tankvolumen sind bei gelassener Fahrweise allemal 700 Kilometer oder mehr drin – da senken E-Transporter verschämt die Scheinwerfer. Auf das Rühren im Getriebe könnte man dagegen verzichten, die optionale Achtgang-Automatik anstelle des etwas knochigen Sechsgang-Schaltgetriebes ist gewiss eine lohnende Investition.

Eine Alternative zum TDI fehlt, beim Thema E ist VW nach Auslauf des nicht sehr überzeugenden früheren E-Modells bis zum Herbst 2027 außer Umbauten durch Partner komplett blank, ein Versäumnis.

Die Kosten: hoher Preis, lange Garantie

Ebenfalls typisch VW: Ganz billig ist dieser Crafter mit einem Netto-Listenpreis von knapp über 50 000 Euro nicht. Selbst unter der Berücksichtigung, dass darin die stärkste Maschine und ein Hochdach eingeschlossen sind. Vergessen wir darüber nicht die sympathische Fünfjahres-Vollgarantie. „Auf Wiedersehen Crafter“, verabschiedet sich der VW freundlich im Display. Das passt zu seinem Charakter. Da weiß man eben, was man hat.

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