Phinia Wasserstoff-Transporter: erster Kurz-Fahrbericht
Elektromobilität schlägt Wasserstoff-Verbrenner. Tatsächlich? Phinia Wasserstoff-Transporter: erster Kurz-Fahrbericht.
In Europa sind die Türen mit großem Knall zugeschlagen für Transporter mit Brennstoffzelle oder Wasserstoff-Verbrenner. Der amerikanische Komponentenspezialist Phinia sieht das anders. Wir haben während der IAA eine Runde gedreht.
Unverkennbares Signet, knurriger Motor
Er sieht aus wie irgendeiner dieser vielen großen und nicht mehr ganz taufrischen Transporter von Stellantis. Wäre da nicht dieses kunstvolle Signet auf der Motorhaube, eine goldig glänzende Komposition aus einem stilisierten Kolben und dem Kürzel H2 für Wasserstoff. Übersetzt also ein Wasserstoff-Verbrenner. Dabei ist Stellantis doch aus dem Thema Wasserstoff ausgestiegen? Phinia nicht. So etwas gibt’s als Transporter nicht alle Tage und hinter dem Steuer erst recht nicht – los geht’s.
Der Start ist für den inzwischen verwöhnten E-Fahrer ein klein wenig verzögert, hier müssen erst Ventile öffnen. Der Motor klingt im Anschluss ungewöhnlich – kein Dieselnageln, eher ein Knurren, nahe an einem rauen Benziner angesiedelt. Und viel leiser als der Diesel. Das hängt mit dem weit geringeren Einspritzdruck und der anderen Verbrennung zusammen. Dabei verwendet Phinia den serienmäßigen Stellantis-Diesel mit 2,2 Liter Hubraum als Basis, jedoch mit anderem Zylinderkopf und Einspritzung. Leistung und Drehmoment bleiben wie gehabt, auch das serienmäßige Schaltgetriebe und fast unverändert die Instrumente. Insofern rollt die Fuhre völlig unspektakulär, vom ungewohnten Sound mal abgesehen.
Wasserstoff-Verbrennungstechnik kurz beschrieben
Phinia hat die Entwicklung vor einem halben Dutzend Jahren begonnen. Im vergangenen Herbst trafen wir einen Phinia-Transporter noch ohne Homologation auf der Messe Solutrans in Lyon/Frankreich. Hier steht und fährt der erste homologierte Van in Europa, abgenommen vom TÜV und zugelassen in Düsseldorf. Mit den Zusatzbuchstaben HY auf dem Nummernschild, die nun wirklich nichts mit einem Klassiker aus der Citroen-Transportergeschichte zu tun haben, sondern mit Wasserstoff.
CO2 und Partikel sind bei der umgebauten Maschine kein Thema mehr, aber Stickoxide erfordern eine Abgas-Nachbehandlung. Der Druck des gasförmigen Wasserstoffs in den Tanks beläuft sich auf maximal 700 bar bei kompletter Füllung. Dieser für leichte Fahrzeuge wie den Transporter übliche Wert liegt doppelt so hoch wie bei den Trucks. Der beachtliche Druck lässt indes bei abnehmender Tankfüllung deutlich nach, wie ein Zusatzmonitor im Cockpit vermittelt. Die Direkteinspritzung erfolgt mit 40 bar, es handelt sich um eine Niederdruck-Direkteinblasung.
Das Tanksystem ist modular aufgebaut, abhängig von der gewünschten Reichweite oder Nutzlast. Je nach Tankanlage ist mit einem gewissen Mehrgewicht im unteren dreistelligen Bereich zu kalkulieren, weit entfernt von den Zusatzkilos eines vollelektrischen Antriebs. Und der Preis? Den gibt’s in diesem Stadium noch nicht. Sollte es zu einer Serie kommen, könnten die Kosten für die Modifikationen rund um den Motor auf Dieselniveau liegen, so Phinia.
Am Ende einer kurzen Runde dauert es erneut einen Hauch länger, bis alles steht, denn jetzt müssen die Ventile schließen.
Plus und Minus Wasserstoff
Zu den positiven Effekten der lokal emissionsarmen Wasserstoff-Verbrennung zählt die schnelle Betankung. Billig ist Wasserstoff nicht, indes profitieren dessen Tankstellen ähnlich wie Elektro-Fahrer inzwischen von der THG-Quote. Bleiben altbekannte kritische Themen: Wie „grün“ ist der verwendete Wasserstoff, was kosten Erzeugung und Verteilung, wo sind die Tankstellen? Phinia hat daher zunächst keine Einsätze in der Fläche, sondern im Bereich von Industrie-Anlagen oder Flughäfen im Auge, wo Wasserstoff auch anderweitig verwendet wird.
Wer ist eigentlich Phinia?
So ungewöhnlich der Wasserstoff-Verbrenner im Transporter auch wirken mag, Phinia ist mit dem Projekt weit entfernt von Blauäugigkeit. Das Unternehmen in Auburn Hills im US-Staat Michigan ist eine Ausgründung des Zulieferers Borg-Warner, sitzt mitten im Herz der klassischen amerikanischen Automobilindustrie und beschäftigt in 20 Ländern rund 12 500 Mitarbeiter.
Zum Unternehmen gehören Marken wie Delphi als Spezialist unter anderem für Diesel- und Benzineinspritzung, Fahrzeugelektronik und Motormanagement oder Fahrgestellkomponenten wie Lenker. Delco Remy mit Lichtmaschinen und Anlassern, Hartridge zur Übrprüfung von Diesel-Einspritzsystemen. Für den Betrieb mit Wasserstoff hat Phinia ein umfangreiches Angebot an Komponenten für Einspritzsystemen entwickelt. Wir sind gespannt, ob und wie es weitergeht.
Randolf Unruh
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