Experten-Report: Mercedes VLE – Riese, Rechner, Reise-Van
Das ist ein Ding, ein Riesending: Im Vergleich zum neuen Mercedes VLE wirkt die aktuelle V-Klasse wie ein zarter Hänfling. Zwar hat Mercedes der reinen Luxus-Strategie wieder abgeschworen, doch der neue VLE ist ganz offensichtlich in dieser Ära entwickelt worden: optisch ein Statement, kräftig gebaut, edel ausgestattet, bärenstark und voll feinster Technik. Ein Rechner auf Rädern. Und eine „Grand Limousine“, stellt Mercedes-Chef Ola Källenius vor. Ein Riesensprung in der Entwicklung – wo auch immer der VLE damit landen wird.
Noch nie trat ein Mercedes-Van derart selbstbewusst auf: Der neue VLE zeigt mit jeder Faser und Fuge seiner Karosserie, dass er an die Spitze will. Da wäre ein mächtiger Frontgrill wie der Schild eines Ritters. Je nach Ausstattung mit einem beleuchteten Rahmen, immer eingerahmt von schlanken Scheinwerfern mit Lampen in Stern-Optik. Wohl dem, der ein solches Markenzeichen in Fahrzeugtechnik umsetzen kann. Der Grill ist indes beim VLE große Show, da beim Stromer komplett geschlossen. Im Rückspiegel vorausfahrender Fahrzeuge jedenfalls ist klar, wer da kommt.
Das Dach der Karosserie ist im Zeichen der Aerodynamik gespannt wie ein Flitzebogen. Auch versenkte Türgriffe senken den Luftwiderstand. Das Heck ist leicht abgesenkt und wird von einem Lichtbogen in Form eines umgedrehten „U“ eingerahmt. Er enthält sämtliche Funktionen der rückwärtigen Beleuchtung. Im Unterschied zu den aktuellen Gepflogenheiten des Konzerns ohne die markentypischen beleuchteten Sterne in den Leuchten. Mercedes nennt einen ausgezeichneten Luftwiderstandsbeiwert von cw = 0,25, das spart Strom auf der Strecke.
Dies alles streckt sich auf ausladende Maße. 5309 Millimeter Länge sind für einen Van üppig, ebenso die Breite (1999 Millimeter) und Höhe (1945 Millimeter) der Karosserie, jeweils haarscharf unter der Zwei-Meter-Marke. Mercedes spricht von einer niedrigen Silhouette – nun ja. Da wird’s in Parklücken und Garagen eng. Auch bei Wendemanövern, der VLE benötigt 13,6 Meter, es sei denn die optionale Hinterachslenkung von maximal sieben Grad Einschlag drückt ihn auf handliche 11,6 Meter.
Serienmäßig geht der VLE mit einem E-Motor vorn (Leistung 203 kW) und Vorderradantrieb an den Start. Optional gesellt sich eine zweite E-Maschine an der dann angetriebenen Hinterachse hinzu. In diesem Fall steigt die Systemleistung des Antriebs auf gewaltige 305 kW. Es handelt sich jeweils um permanent erregte Synchronmotoren. Sie dürften ihrer Bezeichnung trotz der ausladenden Karosserie und eines gewichtigen Batteriepakets alle Ehre bereiten. Der Heckantrieb und Teile des Zweiganggetriebes sind bei überschaubarer Leistungsabforderung und guter Traktion weitgehend entkoppelt, das reduziert Schleppverluste.
Die Lithium-Ionen-Batterie unter dem Wagenboden (Nickel-Mangan-Kobalt = NMC) verfügt über eine nutzbare Kapazität von 115 kWh. Ein 800-Volt-Netz bildet die Basis für hohe Effizienz und rasantes Aufladen. An der Wallbox oder der Ladesäule zieht der Mercedes VLE Strom mit 11 kW, optional 22 kW. An 800-Volt-Ladesäulen fließt der Strom mit maximal 300 kW. Analog zu den Pkw mit Stern ist ein Konverter für die Nutzung von 400-Volt-Ladesäulen erhältlich. Das Unternehmen nennt einen Stromverbrauch nach WLTP von unter 20 kWh auf 100 Kilometer. Neben der hervorragenden Aerodynamik trägt dazu die serienmäßige Wärmepumpe für die Klimatisierung sowie eine hohe Rekuperationsleistung von bis zu 200 kW bei. Ergebnis ist, so Mercedes, eine Reichweite von rund 700 Kilometern.
Mit bidirektionalem Laden ermöglicht der Mercedes VLE das Aufladen und die Rückspeisung von Energie ins Hausnetz (V2H) oder in das öffentliche Stromnetz (V2G). So kann überschüssiger Solarstrom aus der Photovoltaikanlage tagsüber im Fahrzeug gespeichert und bei Bedarf wieder ins Hausnetz entladen werden. Damit lassen sich gezielt
Haushaltsstromkosten senken.Bei Netzstörungen kann der VLE künftig für mehrere Tage als lokale Energiequelle dienen.
Unterwegs verringert die optionale Hinterachslenkung nicht nur den Wendekreis spürbar, sie dynamisiert auch das Fahrverhalten. Bei Geschwindigkeiten unter 60 km/h lenken die Hinterräder entgegen der Richtung der Vorderräder, das verbessert die Handlichkeit. Bei höheren Geschwindigkeiten lenken die Hinterräder in die gleiche Richtung wie die Vorderräder. Dies führt zu einem Plus an Fahrstabilität. Optional stattet Mercedes den VLE mit einer Luftfederung aus. Sie senkt den Van bei höheren Geschwindigkeiten ab. Durch eine Vernetzung mit den Kartendaten von Google bleibt der VLE auch bei kurzzeitig geringem Tempo niedrig, das reduziert den Luftwiderstand. Ähnlich wie ein Omnibus lässt sich der Mercedes VLE bei Bedarf um jeweils 40 Millimeter anheben oder absenken. Nicht zuletzt darf der Mercedes VLE bis zu 2,5 Tonnen ziehen.
Blickfang im Cockpit ist der optionale, schwebend gestaltete MBUX-Superscreen mit drei Displays. Er dehnt sich über die gesamte Breite der Instrumententafel. Unter einer gemeinsamen Glasfläche erstrecken sich ein 10,25 Zoll großes Instrumentendisplay, ein 14 Zoll großes Zentral-Display und ein 14 Zoll großer Bildschirm für den Beifahrerplatz. Die äußeren Luftausströmer mit integrierten beleuchteten Lamellen rahmen das Ensemble ein. Die mittigen Luftausströmer dagegen verbergen sich oben auf der Instrumententafel. Das Trio der Monitore eröffnet eine eigene Erlebniswelt. Mit verschiedenen Hintergrundmotive erzeugen eine individuelle Atmosphäre. Die Farbgebung des Instrumentendisplays und der Ambientebeleuchtung sind auf die Motive der Begrüßungsanimation abgestimmt. Hinzu kommt auf Wunsch ein Head-up-Display. Es scheint vor dem Fahrzeug zu schweben.
Die neue MBUX Generation ist das erste Infotainmentsystem in einem Automobil, das mehrere KI-Agenten kombiniert. Der MBUX Virtual Assistant ermöglicht mehrteilige Dialoge und hat ein Kurzzeitgedächtnis. Der virtuelle Assistent vereint darüber hinaus das gesammelte Wissen aus dem Internet. Abhängig vom Kontext greift der MBUX Virtual Assistant während der gleichen Unterhaltung auf unterschiedliche Quellen zu und antwortet autonom.
Basis für all das ist das Mercedes-Benz Operating System (MB.OS). Es steuert jeden Bereich des Fahrzeugs – vom Infotainment über den Komfort und das Laden bis hin zum automatisiertes Fahren. Dank Over-the-Air-Updates für die Gesamtfahrzeug-Software bleibt der VLE stets aktuell. MB.OS bietet maximale Flexibilität, um Inhalte von Drittanbietern nahtlos zu integrieren. Das betrifft zum Beispiel den Video-Streamingdienst Disney Plus, Ridevu von Sony, die Integration von Audible und Amazon Music in MBUX und mehr.
Die Navigation basiert auf Google Maps. Für die Berechnung der Route wird der Energiebedarf kalkuliert. Dabei werden Topografie, Streckenverlauf, Umgebungstemperatur, Geschwindigkeit, Heiz- und Kühlbedarf berücksichtigt. Weitere Faktoren sind die Verkehrssituation auf der geplanten Strecke, die dort verfügbaren Ladestationen, ihre Ladeleistung sowie die Bezahlfunktion. Die intelligente Navigation erkennt, wenn ein Ladestopp erforderlich ist und plant ihn automatisch so ein, dass die Gesamtreisezeit optimiert wird. Ladeeinstellungen des Fahrzeugs werden automatisch angepasst.
Als Basis der vielfältigen Assistenzsysteme dient ein Set mit zehn Kameras, fünf Radarsensoren und zwölf Ultraschallsensoren. Sie sind alle mit einem wassergekühlten Hochleistungscomputer verbunden, der ausreichende Leistungsreserven für zukünftige Funktionen und regelmäßige Over-the-Air-Updates bietet.
Hohen Komfort genießen die Fahrgäste im Find des Mercedes VLE. Da wären serienmäßig zwei elektrisch betätigte Schiebetüren und voll versenkbare Fenster. Die Heckscheibe lässt sich separat öffnen. Der Fond lässt sich aus neu entwickelten Einzelsitzen und zwei Sitzbänken weitgehend frei gestalten. Die Spanne reicht vom manuell verstellbaren Einzelsitz bis zum elektrisch verstellbaren Grand-Komfortsitz mit Sitzheizung, Klapptisch, kabellosem Laden, Lordosenstütze mit Massagefunktion und Wadenauflage. Alternativ gibt es manuell oder elektrisch verstellbare Dreier-Sitzbänke.
Damit’s unterwegs nicht langweilig wird, versteckt sich auf Wunsch in einer Screen-Garage im Dachhimmel über den Frontsitzen ein ausfahrbarer 31,3 Zoll großer Panorama-Screen mit Splitscreen-Funktion, hoher Auflösung und integrierter Acht-Megapixel-Kamera. Er verwandelt den Innenraum in eine Erlebniswelt für Entertainment mit Filmen, Videos,
Musik und Spielen oder zum produktiven Arbeiten inklusive Videokonferenzen.
Mehrere Ausstattungslinien und vier aufeinander aufbauende Ausstattungspakete sichern zusammen mit Einzelextras die Individualisierung des Mercedes VLE. Dazu zählt auch die Wahl unter drei unterschiedlichen Mittelkonsolen im Cockpit.
Für akustischen Reisegenuss setzt Mercedes auf geräuschdämmendes Verbundglas, entkoppelte Elastomerlager zwischen Fahrwerk und Karosserie, einen leiser Antrieb und eine sorgfältige Abdichtung. Dies alles verringert die Fahrgeräusche. Sie spielen bei einem elektrisch angetriebenen Van mit seinem von Hause aus leisen Antrieb eine besondere Rolle. Beste Aussichten verspricht außerdem ein Panorama-Glasdach mit Infrarot- und Wärmeschutzbeschichtung. Es erstreckt sich von der B-Säule bis zum Heck und lässt sich ebenso wie die Fenster im Fond über ein elektrisches Sonnenrollo verdunkeln.
Als wäre der VLE noch nicht groß genug: Mercedes hat noch eine Langversion in Vorbereitung. Dann dehnt sich der Radstand um weitere 175 auf 3517 Millimeter und die Länge wächst um das gleiche Maß auf 5484 Millimeter, Es ist zu vermuten, dass dieser Reise-Riese die Basis für den angekündigten Supervan namens VLS bildet.
Ursprünglich war die neue Van-Generation allein vollelektrisch auf der eigens entwickelten Plattform Mercedes Van.EA geplant, der Van Electric Architecture. Weil die Kundschaft diese Fokussierung aber nicht akzeptiert, schiebt Mercedes Verbrenner-Ausführungen hinterher, dies heißt dann Van.CA, also Van Combustion Architecture. Ein Pferdewechsel während des Rennens. Weitere Ableger des VLE sind nicht auszuschließen – oder ist der Nachfolger des Campervans Marco Polo nicht besser beim weniger feinen und voraussichtlich geräumigeren Nachfolger des Vito angesiedelt?
Mercedes-Benz Vans
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