Experten-Report: VW-Werk Hannover: erst feiern, bald feuern?
Schockwelle in Niedersachsen: Berichten zufolge droht im VW-Konzern das Aus für bis zu vier deutsche Automobilwerke. Im Fokus soll unter anderem das Transporterwerk Hannover stehen mit zurzeit noch rund 13 000 Beschäftigten. Vor wenigen Wochen wurde noch das 70jährige Jubiläum des Werks begangen. Ein Blick hinter die Kulissen.
Betriebsvereinbarung: Abschmelzen auf 10 000 Beschäftigte
Es ist die frühere Heimat des VW Transporter, zurzeit das Werk für Multivan und die Familie des ID. Buzz. Das Transporterwerk Hannover hat in 70 Jahren schon Einiges an Auf und Ab erlebt, auch heftige Krisen. Nun wird es offensichtlich dramatisch. VW ächzt unter der toxischen Kombination von hohen Kosten und fehlender Auslastung.
Das Werk Hannover steckt ohnehin zurzeit mitten in einem – Achtung Modewort – Transformationsprozess. Bereits vor Jahren wurde ein Abschmelzen um 5000 Stellen auf lediglich noch 10 000 Köpfe bis 2029 vereinbart. Betriebsbedingte Kündigungen sind in diesem Rahmen ausgeschlossen. Und nun soll alles bald vorbei sein?
Die Krise in Hannover, Hauptquartier der Marke Volkswagen Nutzfahrzeuge (VWN), ist auch hausgemacht: Mit dem Modellwechsel zum aktuellen Transporter hat Volkswagen Nutzfahrzeuge nach Jahrzehnten sein Herz selbst herausgerissen und Kooperationspartner Ford übergeben. Unter dessen Führung wurde die Baureihe entwickelt, Ford fertigt sie in der Türkei parallel zum Zwillingsbruder Ford Transit Custom. Daher hat sich die Produktion in Hannover innerhalb von nur zwei Jahren von mehr als 200 000 Einheiten auf etwa 113 000 Multivan und ID. Buzz praktisch halbiert. Damit kann das große Werk einschließlich seiner Anlagen wie Presswerk und Lackierung beim besten Willen nicht ausgelastet sein und ist gleichzeitig personell überbesetzt. Sowohl im vergangenen Sommer als auch im Herbst wurden, so ein Sprecher, „Urlaubskorridore mit zusätzlichen Ruhezeiten im Fahrzeugbau erweitert“.
Dahinter steht eine Fehlkalkulation. Beim Start der Familie des ID. Buzz war optimistisch von 130 000 Einheiten im Jahr die Rede. Das hätte, den Multivan obendrauf gesattelt, für das Werk gepasst. Jedoch hat die Familie des E-Busses bisher nur die Hälfte der avisierten Stückzahlen erreicht. Dafür gibt es zahlreiche Ursachen, von hohen Preisen über fehlende sinnvolle Nutzfahrzeugvarianten und einer für Transporter nur bedingt tauglichen Konstruktion (siehe geringe Nutzlast, knappes Ladevolumen, enge Schiebetür) bis zum Thema Zölle auf dem hoffnungsvoll angepeilten US-Markt.
Darüber hinaus sollte Hannover, dort wurde einst der Rohbau des Porsche Panamera gefertigt, ein weiteres Projekt wie einem großen elektrisch angetriebenen SUV für die Konzernschwester Audi erhalten – inzwischen längst gestrichen. Ohne eine weitere dritte Baureihe aber steht das Riesenwerk vor einem Riesenproblem.
Auf seiner Karriere-Seite lockt VW: „Benefits & Work-Life-Balance: Was zählt für dich?“ Und weiter: „Bei Volkswagen genießt du ein vielseitiges Vorteilspaket, das dein Arbeits- und Privatleben harmonisch vereint.“ Genuss bei VW? Klingt wie Camping-Urlaub im VW California mit zeitweiliger Anwesenheit im Betrieb, wenn’s denn unvermeidlich ist, aber nicht nach harter Arbeit.
VW unterscheidet sich von anderen Unternehmen durch seinen Haustarifvertrag. Wer das Netz durchpflügt, entdeckt interessante Zahlen. Ein Produktionsmitarbeiter bei VW verdient laut einschlägigen Portalen im Schnitt rund 56 000 Euro brutto im Jahr einschließlich Sonderzahlungen. Der Monatslohn beläuft sich demnach auf durchschnittlich gut 4000 Euro brutto. Zum Vergleich: Das Handwerk in Niedersachsen zahlt im Schnitt rund 40 000 Euro jährlich.
Tarif-Mitarbeiter erhalten 30 Tage bezahlten Urlaub im Jahr. Diese Zahl kann mit Schicht- und Alterszulagen auf bis zu 36 Tage steigen. Auch nicht schlecht, so die zuständige und fest im Konzern verankerte Gewerkschaft IG-Metall: „Zukünftig wird es für 25 Jahre Betriebszugehörigkeit eine pauschale Zahlung von 6 000 Euro und für 35 Jahre von 12 000 Euro geben.“
Den großzügigen finanziellen Regelungen zum Trotz hat VW ein Abwesenheitsproblem: Schon 2024 bemängelte der zuständige Konzernvorstand einen Krankenstand in der Fertigung von rund zehn Prozent – geplant war eine Quote von vier Prozent. Ein Thema, das VW nicht exklusiv hat, siehe die wiederholten Äußerungen auf Vorstandsebene des Wettbewerbers Mercedes.
VW und die Politik – traditionell ein heikles Ding. Ist doch das Land Niedersachsen mit 20,2 Prozent an der Volkswagen AG beteiligt. Dank des speziellen VW-Gesetzes verfügt das Land damit über eine Sperrminorität und kann wichtige Entscheidungen blockieren. Es ist mit Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) und seiner Stellvertreterin Julia Willie Hamburg (Kultusministerin, Bündnis 90/Die Grünen) im paritätisch besetzten 20-köpfigen Aufsichtsrat vertreten. Ob der indes in der Realität tatsächlich paritätisch handelt? Viele Mitarbeiter von VW sind schließlich potenzielle Wähler, hinzu kommen Zulieferer und all jene im Großraum Hannover, die von den Einkommen der Mitarbeiter leben.
Angeblich stehen bei VW die Werke Emden, Hannover, Neckarsulm und Zwickau auf der Kippe. Über das Werk in Osnabrück (einst Karmann) wird schon kaum noch gesprochen. Es heißt, dass Unternehmen aus der Rüstungsbranche daran interessiert sind. Die Werke Osnabrück, Emden und Hannover haben ihren Sitz in Niedersachsen. Und nun kommt die Politik ins Spiel: Kann sich die Landesregierung als Anteilseigner leisten, wenn ausgerechnet das Werk in der Landeshauptstadt mit derzeit rund 13 000 Beschäftigten in Gefahr ist? Aber kann sie sich ein Werk leisten, mit dem womöglich kein Gewinn zu erwirtschaften ist?
„Der Aufsichtsrat hat die Pflicht, die Geschäftsführung der AG zu überwachen“, so Paragraph 111, Absatz 1 des Aktiengesetzes. Da muss sich der VW-Aufsichtsrat aufgrund der aktuellen Lage durchaus die Frage gefallen lassen, ob er seinem Job immer gerecht geworden ist. Und künftig gerecht wird: Am 9. Juli stellt der VW-Vorstand seine Kürzungspläne dem Aufsichtsrat vor.
Jüngst hat VW ein Gute-Nacht-Paket für den ID. Buzz vorgestellt. Folgt jetzt etwa ein ganz anderes „Gute-Nacht-Paket“ für das Werk Hannover? Die Entscheider von gestern sind nicht mehr an Bord, das aktuelle Management muss ran, VWN.Chef Stefan Mecha ist um seinen Job nicht zu beneiden. Nun soll, ein vergleichsweise kleinerer Eingriff, die Produktion des VW California auf Basis des Multivan aus dem unweit gelegenen Zweigbetrieb im Stadtteil Hannover-Limmer ins Hauptwerk verlegt werden. Das vereinfacht vermutlich dessen Fertigung und die Logistik, kann aber kein Transporterwerk retten.
Gleiches gilt für den kommenden ID. Buzz Cargo mit langem Radstand, den VW bisher zurückgehalten hatte. Angeblich mit Rücksicht auf den von Ford gebauten langen VW Transporter, so die mehrfach geäußerte Argumentation. Wer kam auf diese schräge Idee? Auch mit einem immer wieder angefragten ID. Buzz California wird sich der Schalter nicht gänzlich umlegen lassen.
Dazu muss ein weiteres Modell in ansehnlichen Stückzahlen her. Entweder aus dem Konzern, besser noch ein zusätzliches Modell zur Stärkung der eigenen Marke VWN. Stefan Mecha ist schon der zweite Vorstandsvorsitzende in Hannover, der im Gespräch vorsichtig einen weiteren und dann eigenen E-Transporter in der klassischen Liga der kompakten Transporter nicht ausgeschlossen hat. Und somit VWN wieder das Herz einpflanzen will. Heißt das Stichwort dafür etwa „Space“? „Die Space-Familie kommt.“ So freute sich die IG-Metall um den Jahreswechsel 2025. Es dreht sich um eine elektrisch angetriebene Transporter-Plattform.
„Mit der eigenen voll-elektrischen Space-Fahrzeugfamilie gestalten wir bei Volkswagen Nutzfahrzeuge unsere Zukunft. Sie wird auf einem eigenen Nutzfahrzeugbaukasten aufbauen, der uns die Möglichkeit gibt, Nutzfahrzeuge für die verschiedenen gewerblichen und privaten Zielgruppen effizient zu konzipieren“, so ein leitender VW-Vertriebler vor genau zwei Jahren auf der VW-Plattform „Volkswagen Group Fleet International“ für Großkunden. Sofern Space inzwischen nicht wieder in die Schublade gesteckt wurde, könnte es ein Rettungsanker für Hannover sein. Den sich das Werk in einer der längst üblichen internationalen Ausschreibungen für derlei Projekte indes erst einmal erarbeiten und verdienen muss.





