Experten-Fahrbericht: KGM Musso – Grand mit Vieren
Pickups sind auch nicht mehr das, was sie mal waren: Einst rustikale Raubeine, kombinieren sie nun ein komfortables Cockpit mit einer belastbaren Pritsche. Wie zum Beispiel der neue KGM Musso. Hier fährt er in Lang-Ausführung vor („Grand“) und bringt ganz selbstverständlich Vierradantrieb mit.
Musso heißt Nashorn auf koreanisch, da darf ein Pickup durchaus etwas wuchtig auftreten. Kantig eingefasster Kühlergrill, drüber eine Lichtleiste in Zähnchen-Optik ähnlich dem Brüderchen Musso EV, Tagfahrlicht klamert die LED-Scheinwerfer ein, unübersehbarer Modellschriftzug auf der Motorhaube – der rundum aufgefrischte KGM Musso zeigt ein markantes, aber keineswegs aggressives Gesicht. Es wirkt deutlich frischer als der Vorgänger mit etwas altbackenem Chromgrill. Die Seitenlinie ist klassisch, indes dezent geschminkt mit Reflektoren in den Radläufen sowie Fake-Kunststoffabdeckungen ähnlich Lüftungsöffnungen sowie Markierungsleuchten.
Ein genauer Blick zeigt Unterschiede: Der Musso mit 3,1 Meter langem Radstand begnügt sich mit 5,15 Meter Länge, für einen mittelgroßen Pickup sehr kompakt. Der hier gefahrene und besonders beliebte Musso Grand – bis zur hinteren Tür identisch – streckt den Radstand auf 3,21 Meter und pumpt sich zugunsten der Ladefläche auf 5,46 Meter Länge. Ein weiteres Detail: Die Türen decken unten die Schweller ab, das verhindert verschmutzte Hosenbeine beim Ein- und Aussteigen.
Hineinschwingen ins Cockpit mit Hilfe des Griffs an der A-Säule. Die Sitze ähneln eher üppigen Sesseln, die Materialqualität rundum ist dem rauen Einsatzzweck angemessen. Der Blick fällt auf digitale Instrumente, Tacho und Drehzahlmesser zeigen gegenläufig an, zusätzlich digital. In der Mitte kommt ein Monitor im beliebten Maß von 12,3 Zoll hinzu. Gut: Für die Einstellung der Klimatisierung ist KGM eine Etage tiefer zu Drehreglern zurückgekehrt. Praktisch: Die Lehne der Rückbank lässt sich als Zusatz-Gepäckraum komplett flach umklappen. Die Entriegelung erfolgt nur von der rechten Seite, das muss man wissen.
Beim Aufstieg auf die Ladefläche hilft im Stil der aktuellen Pickups nun links wie rechts eine seitliche Trittstufe. Oben angekommen, entdeckt der Klettermaxe jetzt acht statt bisher vier seitliche Zurrösen im 1,3 (Musso) oder 1,6 Meter (Musso Grand) langen und beleuchteten Ladebett. Das bedeutet in jedem Fall Platz für eine Europalette längs, quer passt der Ladungsträger nicht zwischen die Radkästen. Die Bordwände strecken sich auf eine rekordverdächtige Höhe von nun 570 Millimetern, da passt was rein
Bei den Gewichten gilt es aufzupassen. Der Musso Grand trägt in der bereits gut ausgestatteten Basisvariante Core mit blattgefederter Starrachse rund eine Tonne. Ziehen darf er mit Sechsgang-Schaltgetriebe 2,6 Tonnen. Dieser Wert steigt mit dem empfehlenswerten Automatikgetriebe auf 3,5 Tonnen. Die nochmals feinere Ausführung namens Lux kennzeichnet eine Mehrlenker-Hinterachse mit Schraubenfedern. Diese komfortablere Hinterachse verträgt indes weniger Gewicht, das drückt die zulässige Gesamtmasse auf drei Tonnen, die maximalen Achslasten auf 1,4 und 1,85 Tonnen und die Nutzlast auf gut 800 Kilo. Die Anhängelast mit der hier serienmäßigen Automatik beläuft sich ebenfalls auf 3,5 Tonnen. Das zulässige Gesamtzuggewicht beziffert KGM auf 6,49 Tonnen. Das bedeutet: Musso-Eigner können im Zugbetrieb vorne wie hinten vollpacken, das klappt nicht mit jedem Pickup.
In ähnlichen Gewichtsregionen bewegt sich der kürzere Musso, der stets über die aufwendigere Achse verfügt. Womit klar ist: Soll der Musso richtig ranklotzen, dann ist die Langausführung mit Automatik die richtige Wahl.
Ein Tastendruck weckt den Diesel, der vergleichsweise kompakte Vierzylinder mit 2,2 Liter Hubraum tuckert friedlich vor sich hin. Der Wählhebel der Automatik steckt in einer klassischen Schaltkulisse, das ist ein wenig Siebziger oder Achtziger. Ebenso klassisch sind die Antriebsarten, gewählt mit einem unscheinbaren Drehregler: Auf der Straße fährt der Musso mit Hinterradantrieb, dann gibt’s den zuschaltbaren Allradantrieb und im nächsten Schritt eine Übersetzung, wenn’s im Gelände oder auch in der Baugrube mit beladenem Anhänger anspruchsvoll wird. Dann kommt auch das selbstsperrende Differenzial an der Hinterachse zum Tragen. Die Bodenfreiheit des Musso ist im Vergleich zum Vorgänger um drei auf 25 Zentimeter gewachsen. Das bedeutet gleichzeitig größere Böschungswinkel vorne wie hinten.
Ähnlich seinem Namensgeber wirkt der Antritt des Musso zunächst eher behäbig. Trotz 148 kW (202 PS) Leistung und 441 Nm Drehmoment (Schalter: 400 Nm) legt er beim Start eher gelassen ab. Das liegt am Gewicht, auch am weit gespreizten Sechsgang-Automatikgetriebe. Es ermöglicht sogar gelassenes Cruisen mit niedrigen Drehzahlen auf der Autobahn, Tempo 100 entsprechend lediglich rund 1600 Touren.
Man muss ja nicht gleich mit gut 170 Sachen über die Piste preschen, die der Musso maximal rennen kann. Auch flotte Kurvenhatz zählt nicht zu den Stärken des Pickups, dafür arbeitet die Lenkung zu gefühllos, sind die nashörnige Masse des Musso und sein Fahrwerk nicht gedacht. Das gibt sich trotz der aufwendigen Achse auf übleren Straßen ein wenig bockig. Tipp eines Musso-Kenners: Auf die schicken optionalen Räder im Format 20 Zoll mit 50er Bereifung verzichten und es bei den serienmäßigen 18-Zöllern mit 60er Reifen belassen.
Das führt zum Thema Kosten und einer faustdicken Überraschung: Die Preisliste des Musso beginnt bereits bei netto 34 445 Euro, der lange Musso Grand kostet lediglich 1260 Euro mehr. Für harte Jobs im gewerblichen Einsatz verzichtbar ist der netto 7143 Euro weite Schritt zur Lux-Ausführung. Ergänzend kommt eine Herstellergarantie von fünf Jahren oder 150 000 Kilometern hinzu, sie gilt ebenfalls für gewerbliche Einsätze, wie KGM betont. Zu bekommen ist der zugkräftige Kaltblüter zurzeit bei etwa 140 Händlern in Deutschland, ihre Zahl soll wachsen.
Leiterrahmen, Dieselmotor, zuschaltbarer Allradantrieb, Platz für eine Palette auf der Pritsche und maximal 3,5 Tonnen Anhängelast – der KGM Musso ist ein Pickup von echtem Schrot und Korn. Ein handfester Arbeiter unter seinesgleichen, in der langen Ausführung eben ein Grand mit Vieren.
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Thorsten Weigl/KGM
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