Experten-Test: neuer VW Transporter – die Legende bebt
Wackelt das Denkmal, zeigt sein Sockel Risse? Über Jahrzehnte hinweg schien der VW Transporter unangreifbar. Das aktuelle Modell ist unter Federführung von Ford entstanden. Er schert schon mit seiner Baureihenbezeichnung aus, denn vom T7 – der an der Reihe wäre – ist keine Rede mehr. Was also kann der Neue?
Es sind ja im harten Arbeitsalltag manchmal Kleinigkeiten, die das Leben ein wenig versüßen. Bei genauem Hinschauen entdeckt der Fahrer des neuen VW Transporter aus seiner Warte unten links in der Windschutzscheibe die skizzierte Silhouette eines Transporters. Eine nette Spielerei, ebenso beim Kollegen des anderen Fabrikats.
Auch sachliche Argumente sprechen für den Platz vorne links im VW Transporter. Vor allem hier in einer Top-Ausführung mit verlängerbarem Sitzkissen – eine Wohltat für lange Strecken. Dazu zählt ebenfalls die größere Bewegungsfreiheit im Vergleich zum Vorgänger, auch die üppigen Ablagen. Einschließlich des neuen, sehr tiefen und somit Laptop-gerechten zweiten Handschuhfachs – der Beifahrer-Airbag ist nach oben unter das Dach ausgewichen. Tolle Idee, von welchem Fabrikat auch immer. Die gesamte Umgebung wirkt solide und gepflegt, ein angenehmer Arbeitsplatz.
Identisch zum Kollegen ist die etwas eigenwillige Grundform der Armaturentafel mit ihrem optischen Sprung, sind Details wie der hoch liegende Startknopf oder der Drehregler für die Lautstärke des Infotainmentsystems. Kennt man anderswo bei VW nicht mehr, hier ist er wieder. Das Lenkrad ist rund, lediglich unten leicht abgeplattet. Eine Binsenweisheit? Falsch, hier unterscheidet sich der VW von seinem Kollegen mit dessen gewöhnungsbedürftiger Form des Steuers. Ebenso in der gelungenen Bedientastatur ohne flutschige Touchflächen wie bei anderen Herstellern und den prima ablesbaren Instrumenten, das können sie bei VW richtig gut. Bei der Bestellung den elektrischen Zuheizer nicht vergessen, sonst bleibt es lange kühl an Bord.
Weiter vorn ackert im Maschinenraum ein Zweiliter. TDI genannt, obwohl er nicht von VW stammt. Wer genau hinschauen will: Zweifaches Ziehen am Entriegelungshebel im Cockpit genügt, lästiges Herumtasten im Schmuddelbereich unter der Motorhaube entfällt. Der knurrige Diesel arbeitet selbst in der stärksten Ausführung mit 125 kW (170 PS) und 390 Nm Zugkraft etwas behäbig. Das macht sich auch bei den Fahrleistungen bemerkbar: 12,9 Sekunden für den Sprint auf Tempo 100 sind flott, aber nicht rasant.
Das optionale Achtgang-Automatikgetriebe hält den Motor bevorzugt in Drehzahlen ab etwa 1500 Touren. Da fühlt er sich wohl. Indes schaltet der Automat trotz des reichlichen Drehmoments etwas übereifrig und nervös hin und her. Trotzdem funktioniert die Angelegenheit wirtschaftlich: Der Testverbrauch mündete beladen im gemischten Einsatz auf der anspruchsvollen Hausstrecke inklusiv schneller Autobahnetappe bei 8,4 Liter 100/km – nicht übel für einen voll ausgeladenen 3,2-Tonner.
Zumal im Untergrund im Fall des Testwagen noch mehr steckt, der Allradantrieb namens 4Motion. Der Zusatzantrieb schaltet sich bei Schlupf automatisch innerhalb von Millisekunden zu, scheint notwendige Eingriffe gar vorherzusehen. Ergebnis: Ob mit allen vier Rädern auf Schotter oder mit unterschiedlichem Grip links und rechts: Wacker zieht sich der VW ohne jedes Zicken am eigenen Schopf aus der Bredouille. Doch Vorsicht: Mit 3,5 Meter Radstand wie beim Testwagen verwandelt sich der VW Transporter nicht in einen Geländewagen. Aber Traktion für Baustelle, Feldwege, Wiese oder Schnee, die bringt er allemal mit. Tipp: Abseits der Straße besser den eifrigen Notbremsassistenten für Rückwärtsfahrt abschalten. Denn er definiert beim Rangieren jedes harmlose Zweiglein als Hindernis und schließt zum Schrecken der Besatzung prompt vehement die Bremse.
Zu den großen Vorzügen des VW zählt sein komfortables Fahrwerk, egal ob leer oder beladen. Da steckt offensichtlich eine Menge VW drin, von der breitspurigen Schräglenker-Grundkonstruktion bis zur Abstimmung. Und die Lenkung arbeitet bei niedrigem Tempo zwar recht luftig, aber insgesamt so präzise wie gewünscht und gewohnt.
Besonderheit des Testwagens ist die sogenannte L-Trennwand. Das gab es bisher nicht: In der zweiten Reihe warten rechterhand zwei Sitzplätze, abgeteilt nach hinten und zur Fahrerseite durch eine feste geschlossene und deckenhohe Trennwand. Daraus resultiert ein Fünfsitzer-Kastenwagen für den kombinierten Transport von Menschen und (Lang-)Material. Angesiedelt zwischen dem gewohnten Kastenwagen und der Doppelkabine namens Kastenwagen Plus mit sechs Sitzen. In der Draufsicht erinnert die Angelegenheit weniger an den Buchstaben L als an ein Z mit einem geraden mittleren Strich. Die Bezeichnung klingt staubig-nüchtern, Kollege Ford ist mit dem Parallelmodell Multicab munterer unterwegs.
Die Plätze in der zweiten Reihe ähneln, trotz heller Trennwand und einem Türfenster, einer kargen Mönchsklause mit Minimal-Ausstattung. Doch hochwertige Einzelsitze und viel Bewegungsfreiheit machen den ersten Eindruck mehr als wett. Dies ist der Sinn der neuen Innenarchitektur. Wer die Flügeltüren öffnet und linkerhand die Schiebetür, der entdeckt auf knapp 60 Zentimeter Breite neben der vollflächigen Trendwand zum Doppelsitz eine Verlängerung des Laderaums um etwa 1,3 Meter. Somit verträgt dieser VW Transporter mit langem Radstand Material bis etwa drei Meter Länge.
Weniger schön sind der mit nassen Schuhen rutschige Kunststoff-Einlegeboden (Ford-Gene), und ungeschützte Kabelverbinder unter dem Dach. Aber es gibt eine LED-Innenbeleuchtung einschließlich Vorfeldstrahlern hinten und stabile Zurrösen. Nicht zuletzt entfallen die bisher so spießig-lästigen Aufsteller der Hecktüren. Mit der präzisen Bezifferung des Volumens kann VW beim Transporter mit L-Trennwand allerdings nicht dienen, es dürften in der Langversion rund 4,5 Kubikmeter sein. Die Nutzlast beläuft sich auf rund 900 Kilogramm, trotz umfangreicher Ausstattung inklusive Anhängerkupplung und 4Motion-Antrieb. Ungleiche Lastverteilung spielt angesichts üppiger zulässiger Achslasten von 1,7 und 1,9 Tonnen kaum eine Rolle. Zusätzlich sind 2,4 Tonnen Anhängelast drin.
Somit entpuppt sich der neue VW Transporter als kräftiger Anpacker. Ein Bulli im klassischen Sinn ist er allerdings nicht mehr. Und spätestens angesichts seines Zwillingsbruders längst nicht unangreifbar. Dafür fehlt ihm trotz markentypischer Variante wie Hochdach und Doppelkabine die Eigenständigkeit. Obwohl im Fahrzeugschein Volkswagen als Hersteller ausgewiesen ist – gefertigt wird er allerdings von Ford, wenn auch auf einer eigenen Produktionslinie im türkischen Werk.
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