Experten-Fahrbericht: Ford E-Transit Custom AWD – heiß auf Eis
Wenn Ford-Entwickler Andy Fells den neuen Ford E-Transit Custom AWD vorstellt, bekommt er leuchtende Augen. Er war mit seinem britischen Kollegen auf dem Weg zum 4×4 nicht allein, sie profitierten von weltweiter Allradkompetenz vom Ford F-150 in den USA bis zu den australischen Entwicklern des Ranger. Doch nach einer alten Fußballer-Weisheit liegt die Wahrheit auf dem Platz. Hier ist’s eine Eisfläche garniert mit einer deftigen Steigung. Plus trockener Straße mit rutschigen Rändern. Und da spätestens seit den jüngsten olympischen Winterspielen jeder weiß, dass Deutsche Eiskanäle mögen, geht’s jetzt zur Sache.
Elektroantrieb muss bald sein, Allradantrieb darf gerne sein, ob im professionellen Einsatz oder als Campervan. Also kombiniert Ford E und AWD miteinander. Das kann noch längst nicht jeder Transporterhersteller, daher lohnt sich mehr denn je ein Blick auf die Technik. Hinten kommt die bekannte E-Maschine des Ford Transit E-Custom zum Einsatz, wahlweise mit einer Leistung von 100 kW, 160 kW oder bei manchen Varianten sogar 210 kW. Ungewöhnlich: Das Drehmoment beläuft sich jeweils auf 415 Nm.
Vorne ackert beim Allradmodell eine weitere E-Maschine mit gleicher Potenz. An der maximalen Leistung ändert sich dadurch nichts, denn wenn je nach Grip die Leistung an einer Achse zulegt, wird sie an der Gegenseite reduziert. Das gemeinsame Drehmoment wächst jedoch auf enorme 630 Nm. Ein Zugkraft-Gipfel hoch wie der Montblanc, in dessen Nähe hier die ersten Testfahrten ablaufen. Im gleichen Zug legt ebenfalls die maximale Rekuperation um bis zu 50 Prozent zu. Das hilft beim Stromsparen, ebenso die serienmäßige Wärmepumpe für die Klimatisierung. Auch die jüngste Erhöhung der nutzbaren Batteriekapazität von 64 auf 70 kWh ist bei anspruchsvollen Einsätzen von Wert.
Gleiches gilt für die Regelsysteme. Zwar sind die beiden E-Motoren nur virtuell miteinander verbunden, aber rasante Regelsysteme reagieren im Abstand von lediglich 50 Millisekunden auf etwaige Traktionsprobleme einzelner Räder. 50 Millisekunden sind 50 tausendstel Sekunden oder ein halber Wimpernschlag. Im Ergebnis arbeitet der Allradantrieb geradezu faszinierend spurstabil. Links trockene Fahrbahn und rechts Schotter? Der Ford zieht ebenso schnurgeradeaus wie bei der Kombination von Asphalt und Schnee. Selbst bei einem kräftigem Druck aufs Fahrpedal gibt’s kein Zucken und keinerlei Korrekturen am Lenkrad. Etwas Leistung weg hier, etwas Leistung drauf dort – ab geht’s.
Zu großer Form läuft der Ford E-Transit Custom AWD zusammen mit seinen Regelsystemen auf. Ford hat sie für den Allradantrieb neu sortiert, erläutert Andy Fells. Ein halbes Dutzend steht zur Auswahl, im normalen Fahrbetrieb kann man sie getrost außer Acht lassen. Anders sieht die Situation auf einer Eisfläche aus. Je nach Aktivierung der Regelsysteme wechselt der Transporter zwischen Drift und hoher Spurstabilität. Bis der übermütige Tritt aufs Fahrpedal die Kombination aus gewichtigem Transporter und nachlassendem Grip der Reifen an die Grenzen der Physik bringt. Nun sind kurvige Eisbahnen selbst im Winter eine Rarität, aber es gibt mit Nässe und Schlamm genug Alternativen im realen Fahrbetrieb, je nach Region auch Schnee und Eis.
Die ganz große Kunst der Technik wird dann an einer deftigen vereisten Steigung deutlich, nach einigen Anfahrversuchen von durchdrehenden Reifen blankpoliert wie eine Glatze. Hier scheitert der E-Transit mit angetriebener Hinterachse trotz halber Auslastung auf halber Strecke. Anfahren? Keine Chance, die Fuhre rutscht bergab. Anders der Ford E-Transit Custom AWD: Je nach gewählter Dynamikregelung zieht er mit reichlich Dampf und heftig arbeitenden Systeme hinauf. Oder im „Slippery“-Modus mit zurückgenommener Leistung und feinfühliger Regelung geradezu elegant und souverän. Klasse.
Und auf der Straße? Es gibt, so Andy Fells, keine starre Regel, nach der sich der Ford E-Transit Custom AWD verhält – er regelt nach Bedarf, der Fahrer fährt, das war’s.
Das Mehrgewicht des Allradantriebs beläuft sich auf rund 170 Kilogramm erläutert Andy Fells. Entsprechend beschränkt sich die Nutzlast des 3,2-Tonners auf rund 850 Kilogramm. Außerdem darf der Allradler bis zu 2,3 Tonnen ziehen, das ist ein Wort.
Das Antriebspaket des Ford E-Transit Custom 4WD gibt es als Kastenwagen kurz und lang, als Kastenwagen-Doka, Multicab, Kombi und ebenfalls für die Bus-Ausführung Tourneo. Der Mehrpreis im Vergleich zum Heckantrieb beläuft sich beim Kastenwagen auf netto rund 6000 Euro, bei 54 800 Euro geht es los.
Beim Motor genügt für überschaubare Anforderungen im Solobetrieb die Variante mit 100 kW, die temperamentvolle Ausführung mit 160 kW ist eine feine Sache mit Blick auf anspruchsvolles Geläuf, hohe Lasten und Anhängerbetrieb. 210 kW zählt zum Luxus, Ford verbindet diese Leistungsstufe mit der feschen Ausstattung namens Sport. Und klar, einen Ford E-Transit Custom AWD braucht beileibe nicht jeder. Aber es gibt genug Branchen, in denen man froh sein kann, ihn zu haben. Und wer ihn abseits der Straße gefahren hat, bekommt womöglich leuchtende Augen wie Andy Fells.
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